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Anthroposophie


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Anthroposophie - von der Selbsterkenntnis zur Welterkenntnis

Wer an Anthroposophie denkt, denkt an Rudolf Steiner (1861 - 1925). Er war der Begründer einer spirituellen Weltanschauung, der er den Namen Anthroposophie gab. Die Anthroposophie will, so Steiner, das Geistige im Menschen zum Geistigen im Weltall führen.

Geschichtliches

Der Begriff Anthroposophie setzt sich aus zwei griechischen Begriffen zusammen: anthropos - der Mensch und sophia - die Weisheit. Man findet den Begriff Anthroposophie wahrscheinlich zum ersten Mal bei Agrippa von Nettesheim. Später wurde der Begriff immer wieder aufgegriffen. Vor allem durch verschiedene Philosophen, z. B. Fichte und Zimmermann. Zimmermann war der Philosophie-Professor von Steiner. Nach eigener Aussage übernahm Steiner den Begriff aus Zimmermanns Hauptwerk. Um 1901 beginnt Steiner, Vorträge für die theosophische Gesellschaft zu halten, deren Vorsitzender er bis Anfang 1913 ist.

Schon Ende 1912 gründet Steiner die anthroposophische Gesellschaft. Die meisten Themen zum Erkenntnisweg erarbeitete Steiner vor 1912. Diese Erkenntnisse manifestierte Steiner in darstellerischer Form durch die Mysteriendramen, die Eurythmie oder z. B. durch den Bau des Goetheanums. In den Jahren bis 1923 erarbeitete Steiner dann vor allem Beiträge zu den Themen Gesellschaft, Pädagogik, Medizin und Landwirtschaft.

Die Anthroposophie war nie frei von Kritik - weder von außen noch von innen. Der Widerstand ging stellenweise soweit, dass Vorträge vehement gestört wurden. Trauriger Höhepunkt dürfte die (mutmaßliche) Brandstiftung des Goetheanums in Dornach im Jahr 1922 gewesen sein. Um dem Druck von innen und außen zu entgegnen und einem Zerfall der anthroposophischen Gesellschaft entgegen zu wirken, kam es 1923 zu einer Neugründung der anthroposophischen Gesellschaft mit Namen 'Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft' sowie zeitgleich zur Gründung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Steiner erkrankte im Jahr 1924 so stark, dass er Vorlesungen abbrechen musste. Im Jahr 1925 verstarb Steiner. Seine Nachfolge war ungeklärt, was zu heftigen und langen Rechtsstreitigkeiten führen sollte. Seine Frau beanspruchte alle Urheberrechte und veröffentlichte in den Folgejahren praktisch alles, was Steiner je verfasst und gesprochen hat. Immerhin beläuft sich sein Nachlass auf geschätzte 300 Bücher. Die Nachfolgestreitigkeiten schwächten die Anthroposophen weiter. Irgendwann wurde den Streitigkeiten von der Generalversammlung zu Dornach ein Ende gesetzt. Vorstandsmitglieder und Mitglieder wurden entlassen. Mehrere Landesverbände wurden ausgeschlossen.

Dieses Vorgehen fiel in die Zeit des Nationalsozialismus. Anfangs blieb die anthroposophische Gesellschaft noch verschont. Im Jahr 1935 wurde sie verboten. Man versuchte eine Wiederzulassung zu erreichen, was erfolglos blieb. Auch das aktive Engagement einiger Anthroposophen im NS-System half nicht viel (im Nachhinein hat es dem Ansehen der Anthroposophie eher geschadet).

Nach Kriegsende wurde die Anthroposophische Gesellschaft neu gegründet. Schwerpunkte: Waldorf-Schulen, Waldorf-Kindergärten, Medizin und Landwirtschaft. Weltweit soll es mittlerweile mehr als 10.000 Anthroposophische Einrichtungen geben.

Wurzeln der Anthroposophie

Im Rahmen seines Studiums hat sich Steiner mit Mathematik, Literatur, Naturwissenschaften und Geschichte befasst. Er promovierte in Philosophie. Diese Wissensgebiete dürften in die Anthroposophie eingeflossen sein. Als weitere, wesentliche Quellen werden meistens genannt:
  • Theosophie: Der Begriff setzt sich aus theos - Gott und sophia - Weisheit zusammen. Um 1875 gründete Helena Blavatsky in New York die theosophische Gesellschaft. Man verfolgte spirituelle und okkultistische Interessen. Steiner übernahm einiges aus der Theosophie. Er selbst grenzte die Begriffe Theosophie und Anthroposophie nie scharf voneinander ab. Allerdings sah er seine Wurzeln stärker in der Christologie. Nicht hinnehmbar war für ihn, dass nach dem Willen der Theosophen Krishnamurti die Reinkarnation Christi verkörpern sollte, was wahrscheinlich zu seinem Ausschluß aus der theosophischen Gesellschaft führte.
  • Goethe: Steiner wurde nachhaltig durch Goethes Erkenntnisse über die Natur und die Welt an sich geprägt. Er versuchte, die Inhalte von Goethes Lehren zu seiner Geisteswissenschaft zu erweitern. Steiner machte den Begriff Goetheanismus wieder bekannt und bezeugte seinem Vorbild Ehre, indem er das Zentrum der Anthroposophie in Dornach als Goetheanum bezeichnete.
  • Rosenkreuzertum: Steiner bezieht sich auf verschiedene rosenkreuzerische Schriften. Sie bedurften nach seiner Auffassung nur einer richtigen Interpretation. Steiner war begeistert von dem Bild des nach Erkenntnis strebenden Christian Rosenkreutz. So sehr, dass er eine Meditation 'Rosenkreuz-Meditation' benannte.
  • Akasha-Chronik: Sie bezeichnet das Buch des Lebens. Eine Chronik, die nur im Jenseits besteht. Sie ist nur Erleuchteten Menschen zugänglich, die durch eine Innenschau in den Büchern lesen können und Weisheiten erkennen. Vor allem Helena Blavatsky bezog sich in ihren Werken immer wieder auf ihre Erkenntnisse, die sie aus der Akasha-Chronik bezog. Auch Rudolf Steiner will in der Akasha-Chronik gelesen haben und Inhalte aus ihr in die Anthroposophie eingebracht haben.

Einige Inhalte der Anthroposophie

  • Viergliedrigkeit des Menschen: Der Mensch besteht aus dem Ich, dem physischen Leib, dem Seelenleib und dem Ätherleib. Das Ich macht uns zum erlebenden Menschen und unterscheidet uns vom Tier.
  • Dreigliedrigkeit des Menschen: an ihr liest man physiologische Prozesse und seelische Grundfunktionen ab. Es gibt einen Lebenspol, einen Todespol und einen Zwischenbereich. Diesen Polen sind Körperbereiche zugeordnet.
  • Dreiheitsidee (Trichotomie): bezeichnet den Leib (untere Welt), Seele (mittlere Welt) und Geist (obere Welt) oder auch: 1. Die Dinge, die man über die Sinne aufnimmt; 2.Welchen Eindruck diese Dinge auf einen machen; und 3. Die Erkenntnis, die man daraus gewinnt.
  • Reinkarnation und Ich: Das Ich spielt eine entscheidende Rolle in der Anthroposophie. Mit dem Ich besteht der Glaube Steiners an eine Reinkarnation, da die Individualität zeitüberdauernd ist.
  • Weltentstehung: Laut Steiner war die Welt ein ursprünglicher großer Organismus. Aus ihm bildeten sich später Lebensformen heraus. Das Stoffliche hat sich aus dem Geistigen entwickelt. Der Mensch ist das Ursprünglichste von allem. Das Tier war ein Abfallprodukt, das es (vereinfacht gesagt) nicht geschafft hat, sich zu einem Menschen zu entwickeln.
  • Geistig-meditative Schulung: Meditation wird zur Erlangung der Erkenntnis betrieben, aber fernab westlicher oder östlicher Praktiken. Die freie Entfaltung (physisch und psychisch) des Meditierenden ist oberstes Gebot. Ein Guru oder Lehrer schränkt ein und ist daher abzulehnen. Es gibt nur Hilfe von Erfahrenen an Unerfahrene. Körperliche Erfahrungen wie Fasten, Enthaltsamkeit oder bestimmte Körperhaltungen sind abzulehnen. Es besteht eine Leibfreiheit, nicht körperliche Wirkungen sind wichtig sondern das wache Ich.
  • Kunst: das Geistige bzw. die Erkenntnis soll Ausdruck in der Kunst finden. Ergebnis bei Steiner waren z. B. die vier Mysteriendramen, die Eurythmie (eine Art Ausdruckstanz, der auch therapeutisch genutzt wurde) oder auch die Realisierung des Goetheanums.
  • Pädagogik: Gemeint ist hier z. B. die Waldorf-Pädagogik oder die Heilpädagogik. Jede Autorität ist zu vermeiden um ein Ich-Bewusstsein zu schaffen. Die Schule richtet sich nach den Schülern.
  • Medizin: Steiner entwickelte mit Ita Wegmann ein Konzept (siehe Anthroposophische Heilkunst). Der Mensch nimmt darin eine zentrale Rolle in ganzheitlicher Sicht ein. Arzneien werden speziell im Anthroposophischen Sinn hergestellt. Es werden auch Heileurythmie und Kunsttherapie angewandt.
  • Biologisch-dynamische Landwirtschaft: Nach Steiner soll der Boden im Sinn der Anthroposophie aufgebaut und belebt werden. Gezielter Einsatz von z. B. Würmern und Naturdüngern soll ausgleichen. Vielfalt soll z. B. durch Fruchtwechsel und Landschaftsgestaltung gesichert werden. Kunstdünger ist abzulehnen. Steiner machte etliche Vorschläge zur Kompostierung.
  • Die dreigegliederte Gesellschaft: Demnach soll der Mensch sich durch selbstständiges Geistesleben entwickeln; die Menschenrechte sind durch Ausschluß aller nicht allgemeinen menschliche Interessen zu sichern; Güter sind gerechter zu verteilen.
  • Christengemeinschaft/Christologie: Obwohl sich Steiner in frühen Jahren eher von der Kirche distanzierte, so spielten Christus und Christentum für ihn eine große Rolle. Steiner schöpfte eigenes Wissen über Christus und das Christentum aus einer Innenschau. Er gründete 1922 die Christengemeinschaft als eine 'Bewegung für religiöse Erneuerung'. Das Christusverständnis schöpft sie aus den Erkenntnissen der Anthroposophie. Im Prinzip hat sie einiges aus dem ursprünglichen Christentum übernommen, das um eigene Inhalte und Interpretationen angereichert wurde.

Kritik

Die Anthroposophie wird auch kritisiert. Man wirft ihr bzw. Steiner zum Beispiel vor, in keiner Form eine Wissenschaft zu sein. Die Anthroposophie sei weit von einer empirischen Wissenschaft entfernt. Eine Wissenschaft kann z. B. nicht auf den Fundamenten von Eingebungen Steiners bzw. aus der Akasha-Chronik aufgebaut sein. Okkulte und Esoterische Themen sind sowieso nicht wissenschaftlich beweisbar.

Es gibt auch Stimmen, die davon ausgehen, die Anthroposophie sei eine sektenähnliche Gemeinschaft. Steiner habe allein das Sagen, man baue nur auf dessen Erkenntnissen auf, obwohl diese teilweise mehr als hundert Jahre alt sei. Eigenständige Ideen seien in der Anthroposophie nach Steiner kaum zu finden und Steiner würde gottgleich verehrt. Was Steiner sagte, sei unumstößliche Wahrheit.

Schwerwiegend ist der Vorwurf, Anthroposophie verbreite rassistische Ideen. In der Tat sprach Steiner in diskriminierender Weise von 'Negerrassen' oder 'Juden'. Steiner sprach von minderwertigen Wurzelrassen, die den höheren Rassen (Arier?) zu weichen hätten. Auf der anderen Seite baut die Anthroposophie zum Grossteil auf der Grundlage der Gleichwertigkeit der Rassen auf. Eine in Holland initiierte Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass der Anteil an diskriminierenden Äußerungen in Steiners Gesamtwerk einen Anteil von weniger als 1 Promille ausmacht. Trotzdem wird sich die Anthroposophie mit diesen Äußerungen immer wieder auseinandersetzen müssen.

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